Erstmals eigener marktfähiger Treibstoff mittels Thermokonversion von Rohöl produziert
Ein Beitrag von Volker Hermsdorf aus der Tageszeitung junge Welt
Inmitten der von Washington verhängten Energieblockade beweist Kuba
abermals seine Fähigkeit, imperialistische Angriffe zu parieren. Während
Donald Trumps Regierung seit Monaten versucht, die Wirtschaft der
sozialistischen Inselrepublik zu erdrosseln, gelang es Wissenschaftlern
und Ingenieuren, das heimische hochviskose schwere Rohöl mit eigener
Technologie zu raffinieren und daraus marktfähigen Diesel, Benzin
(Naphtha) und Heizöl herzustellen. Der Durchbruch widerlegt eine
jahrzehntelang vorherrschende Annahme, dass kubanisches Erdöl wegen
seiner hohen Dichte, Viskosität und seines Schwefelgehalts nicht
raffiniert werden könne. Das im Land geförderte Rohöl aus dem nördlichen
Erdölstreifen galt jahrelang als ungeeignet für eine derartige
Verarbeitung und man war praktisch dazu verdammt, es direkt in
Wärmekraftwerken zu verfeuern. Damit könnte nun – zumindest teilweise –
Schluss sein.
Die Innovation ist das Ergebnis jahrelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Zentrum für Erdölforschung
(Ceinpet) und in den Raffinerien des staatlichen Unternehmensverbunds
Cuba Petróleo (Cupet). Im Mittelpunkt steht ein Verfahren der
sogenannten Thermokonversion. Dabei werden die schweren Bestandteile des
Rohöls durch kontrollierte Erhitzung aufgespalten, wodurch die
Zähflüssigkeit des Rohstoffs sinkt und eine Weiterverarbeitung möglich
wird – und zwar ohne die bislang dafür notwendige Beimischung
importierten Naphthas. Gerade dieses Produkt ist infolge der US-Blockade
und der seit 2019 zunehmend verschärften Verfolgung von
Treibstofflieferungen knapp geworden. Der Naphthamangel, so
Cupet-Vizedirektor Irenaldo Pérez Cardoso, zwang das Land, mit
Hochdruck nach eigenen Antworten zu suchen.
Kubas Wissenschaftler fanden sie. In der Raffinerie Hermanos Díaz in Santiago de Cuba wurden
erfolgreiche experimentelle Läufe durchgeführt und die ersten
praktischen Ergebnisse liegen bereits vor. Die Ingenieure gewannen
marktfähigen Diesel, Heizöl für die Energie- und Nickelindustrie sowie
Naphtha als Lösungsmittel – genug für 15 Tage Ölförderung in Varadero.
Zwar handele es sich noch nicht um Spezialkraftstoffe höchster Qualität,
doch die Produkte seien marktfähig und könnten unmittelbar zur
Entlastung der angespannten Versorgungslage beitragen, so Cardoso. Als
nächster Schritt wird eine Pilotanlage in der Raffinerie Sergio Soto in
Cabaiguán, Sancti Spíritus, errichtet. Sie soll die nötigen Daten
liefern, um die Technologie in größerem Maßstab testen und
weiterentwickeln zu können. Eine zweite Entwicklungsphase sieht dann den
Einsatz kubanischer Lateritmineralien vor, um den hohen Schwefelgehalt
des Rohöls zu senken – ebenfalls nur mit heimischen Ressourcen.
Die Bedeutung dieser Entwicklung ergibt sich aus dem Ernst der aktuellen
Lage. Seit Monaten leidet Kubas Bevölkerung unter häufigen
Stromausfällen, Treibstoffknappheit und eingeschränkter industrieller
Produktion. Ursache sind neben der globalen Energiepreisentwicklung vor
allem die aggressiven Zwangsmaßnahmen des Trump-Regimes, das Lieferungen
von Öl und Raffinerieprodukten vollständig verhindert. Begrenzte
Hilfslieferungen befreundeter Staaten können den Bedarf der Insel nur
teilweise decken. Die Fähigkeit, eigenes Rohöl zu raffinieren, führt
jedoch nicht nur zur Entlastung der aktuellen Energieversorgung, sondern
stärkt langfristig auch die technologische Souveränität des Landes.
Präsident Miguel Díaz-Canel hob hervor, dass dieser Erfolg aus einem
Forschungszentrum des staatlichen Unternehmenssystems selbst komme, sei
ein weiterer Beleg dafür, wie Wissenschaft und Innovation und
Kreativität auch ohne private Konzerne komplexe strategische Probleme
lösen können. Kuba beweist einmal mehr, wozu seine Forscher,
Wissenschaftler und Ingenieure trotz Sanktionen und gegen alle
Widrigkeiten fähig sind. Bereits während der Pandemie entwickelte das
Land eigene Impfstoffe und Beatmungsgeräte, weil die US-Blockade
Lieferungen verhinderte. Nun folgt der nächste Schritt zu mehr
Energiesouveränität. Zwar erfährt die Insel auch im Energiebereich die
Solidarität von Verbündeten – Russland lieferte unlängst 100.000 Tonnen
Rohöl und China spendierte gerade einen neuen Photovoltaikpark in
Cienfuegos –, doch angesichts der US-Blockade, in der Energie zunehmend
zur Strangulierung der Wirtschaft eingesetzt wird, gewinnt die Fähigkeit
zur eigenen Produktion für Kuba strategische Bedeutung.