Unerschütterlicher Revolutionär

Kuba: Mit Ramiro Váldes ist am Sonntag einer der letzten historischen Comandantes verstorben. Ein Nachruf

Ein Beitrag in der Tageszeitung junge Welt von Volker Hermsdorf

Die Geschichte zeigt, zumindest die kubanische Geschichte, dass man, um Revolutionär zu sein, romantisch, idealistisch und verliebt sein muss. In wen? In erster Linie in die Revolution. So ist es, anders geht es nicht.« Mit diesen Worten beschrieb der Comandante der Kubanischen Revolution Ramiro Valdés Menéndez sein Verständnis von Politik, Kampf und Leben. Am Sonntag ist er im Alter von 94 Jahren in Havanna verstorben. Mit ihm ging eine der letzten Legenden aus den Tagen des Befreiungskampfes gegen den von den USA unterstützten Diktator Fulgencio Batista.

Ramiro Valdés gehörte zu einer Generation, die Kubas Geschichte im 20. Jahrhundert grundlegend veränderte. Geboren 1932 im armen Viertel La Matilde in Artemisa, wuchs er in bescheidensten Verhältnissen auf. Seine Mutter Ofelia Menéndez, eine glühende Verehrerin der Freiheitskämpfer Carlos Manuel de Céspedes und José Martí, erzog ihre fünf Kinder mit eisernen moralischen Grundsätzen zur Würde. »Weder Prostituierte noch Dienstmagd von irgend jemandem« sollte ihre Familie sein, pflegte sie zu sagen, obwohl die Armut sie zwang, nachts die einzige Kleidung ihrer Kinder zu waschen.

Der junge Ramiro, der bei der Geburt fast gestorben wäre und nur dank Ofelias Pflege überlebte, lernte früh, sich gegen Ungerechtigkeit zu behaupten. Als Lehrling im Elektrizitätswerk wurde er entlassen, weil er sich weigerte, eine lebensgefährliche Arbeit unter Spannung ausführen zu lassen. Man beschimpfte ihn als Kommunisten – dabei wusste er damals noch gar nicht, was das ist, sagte er später. Erst der Militärputsch Fulgencio Batistas im März 1952 politisierte ihn. »Es wird an uns, an der Jugend, sein, die Diktatur zu beseitigen«, sagte er einem Freund. Wenig später traf er in Havanna auf Fidel Castro und schloss sich der Bewegung an, die den Angriff auf die Moncada-Kaserne vorbereitete.

Am 26. Juli 1953 nahm Valdés am Sturm auf die Moncada in Santiago de Cuba teil, der trotz einer militärischen Niederlage zum Ausgangspunkt der Kubanischen Revolution wurde. Valdés überlebte, ging nach Jahren der Gefangenschaft ins Exil nach Mexiko und kehrte im Dezember 1956 mit der Yacht »Granma« an der Seite von ­Fidel und Raúl Castro sowie Che Guevara nach Kuba zurück. In der Sierra Maestra stieg er zum Comandante der Rebellenarmee auf und kämpfte in der Kolonne von Guevara, dessen enger Vertrauter er wurde. In der entscheidenden Schlacht von Santa Clara im Dezember 1958 trug er maßgeblich zum endgültigen Sturz der Batista-Diktatur bei.

Nach dem Sieg der Revolution wurde Valdés zu einer der zentralen Figuren des neuen kubanischen Staates. Er übernahm Schlüsselpositionen im Sicherheitsapparat, war unter anderem Innenminister, beteiligte sich am Aufbau der Organe der Staatssicherheit und verteidigte die revolutionären Ziele in einer Phase erheblicher innerer und äußerer Bedrohungen, darunter die CIA-Söldnerinvasion in der Schweinebucht im April 1961. Später war er als Minister für Informatik und Kommunikation sowie als stellvertretender Ministerpräsident bis ins hohe Alter in staatliche Aufgaben eingebunden. Aus seiner besonderen Verbundenheit zu Che leitete er die Mission, die sterblichen Überreste Guevaras und seiner Mitkämpfer in Bolivien zu suchen, zu exhumieren und nach Kuba zu überführen. Wäre er – wie zunächst geplant – mit nach Bolivien gezogen, lägen sie nun Seite an Seite, sagte er über sein eigenes Schicksal mit derselben Gelassenheit, die er an Che bewunderte.

Die Nachricht vom Tod des Comandante Valdés fand weithin Beachtung. Präsident Miguel Díaz-Canel würdigte ihn als Persönlichkeit, deren Verlust »schmerzt wie der eines Vaters«, und hob seine Loyalität, seine Bescheidenheit und seinen Einsatz für das Land hervor. Während das Contraportal Diario de Cuba die ultrarechte republikanische US-Abgeordnete María Elvira Salazar mit den Worten zitierte: »Ich bin mir sicher, dass er bereits in der Hölle ist, zusammen mit Fidel und all den Tyrannen, die dem kubanischen Volk Elend, Tod und Exil auferlegt haben«, bekundete die Regierung Venezuelas in einem offiziellen Kommuniqué ihre »Solidarität mit dem kubanischen Volk in dieser Zeit der nationalen Trauer«. Die Regierung Nicaraguas verwies in einer Erklärung auf die »unbeugsame und unerschütterliche Haltung« des revolutionären Kämpfers.

Quelle: junge Welt vom 23.06.26

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